grete,


es könnte besser sein



Ich könnte zum Beispiel so fit sein, wie dieser 85-jährige, der beim Iron Man mitgemacht hat. Und so schnell rennen wie Usain Bolt in seinen besten Zeiten.

Es wäre schön, wenn mein Haus ein neues Dach hätte. Eine neue Küche. Ohhhh – und ein neues Bad, mit Jacuzzi und einer 10 m2 großen Dusche mit Rainshower-Dingens. Außerdem vielleicht noch einen Vollzeitgärtner. Eine Haushälterin die das so richtig gelernt hat. Vielleicht noch mit einem Michelin Stern für ihre großartigen Kochkünste.

Dann würde ich gerne noch ein paar weitere Sprachen fließend sprechen. Und so richtig fit in den ganzen Adobe Programmen sein – InDesign, Illustrator, Photoshop.

Und dann fände ich das noch sehr nett, wenn Corona vorbei wäre und ich alle meine Kinder und Enkelkinder und Geschwister und Nichten und Neffen und sonstige Anverwandte zum Essen einladen könnte. Oder alle einfach mal wieder in den Arm nehmen dürfte.

Lasst uns das mal auswerten.

Um so richtig fit zu werden… okay, um einigermaßen fit zu werden…. müsste ich Sport treiben. Yuck.

Für das Dach, die Küche und das neue Bad müsste ich so ca. 100.000 Euro übrig haben. Nope

Vollzeitgärtner und Haushälterinnen – ebenfalls eine teure Angelegenheit. Außerdem würde man sich dann faul fühlen und immer das Gefühl haben, man müsste das Haus verlassen, wenn sie da sind, damit man denen nicht beim Arbeiten zuschaut. Geht auch nicht.

Eigentlich kommt man mit Deutsch, Englisch und Hebräisch ganz gut klar. Speziell wenn man eh nie Lust hat, irgendwo hin zu reisen.

Designprogramme könnte man sich mühsam aneignen, aber wozu hat man denn gleich zwei Kinder, die das schneller und besser können?

Da bleibt dann Corona und der Mangel an direktem Kontakt mit den Lieben.

Aber – den Gatten und den Sohn hatte es im letzten Herbst erwischt – und sie haben es beide gut überstanden. Ich hatte letzte Woche meine erste Impfung. Bald wird das auch was für den Rest der Familie.

Wir haben ein immer noch funktionierendes Dach über dem Kopf. Essen auf dem Tisch. Ärztliche Behandlung, wenn wir sie brauchen. Unsere Kinder und Enkel können immer noch lernen – wenn auch selten im Präsenzunterricht. Und Gott sei Dank gibt es FaceTime und Zoom und WhatsAppVideo, damit ich trotz allem ihre Gesichter täglich sehen kann. Und in der Zwischenzeit kann ich ganz gemütlich von meinem Sessel aus die Vögel in meinem Garten beobachten – keinerlei Fitness vonnöten.

Es könnte schlimmer sein.


Eure Grete.

gute Vorsätze



Vielleicht geht das ja nur mir so, aber ich brauche für die Vorsätze einen triftigen Grund – und jemanden, der mir beim Durchhalten regelmäßig einen Tritt in den Allerwertesten versetzt. Denn die zählen ja auch nur dann, wenn sie etwas betreffen, das einem schwer fällt.

Sonst könnte ich mir ja zum Beispiel vornehmen, jeden Tag eine ordentliche Portion Häagen Dazs Macadamia Nut Brittle Eis zu essen – und mich dann abends loben, wie super ich das wieder ohne jeglichen Druck von außen hinbekommen habe.

Im englischen gibt es das schöne Wort „procrastination“ – was so viel bedeutet wie „da-habe-ich-jetzt-gar-keinen-Bock-drauf-also-schiebe-ich-das-vor-mir-her-bis-es-gar-nicht-anders-geht“.

Ja, ich kenne Menschen, die komplett ohne dieses Wort durchs Leben kommen. Der Gatte ist einer davon (über seine vielen unangenehmen Eigenschaften habe ich ja schon berichtet). Er schiebt NIE etwas vor sich her. Irgendetwas muss getan werden? Es ist unangenehm? Langweilig? Schwierig? Also tut er es. Sofort. Ohne darüber nachzudenken, ob jemand anderes vielleicht…. Oder – morgen wäre ja auch in Ordnung. Oder nächste Woche.

Ich musste mir dafür mühsam Mechanismen erarbeiten. Zum Beispiel gibt es bei mir tägliche to-do-Listen mit einer schönen und einer garstigen Seite. Es darf nichts auf der schönen Seite angefangen werden, bevor nicht alle Punkte auf der garstigen Seite abgehakt sind.

Glücklicherweise hat nur eines meiner fünf Kinder diese bedauerliche Eigenschaft geerbt, oder vielleicht sollte ich lieber sagen – Gott sei Dank. Wenigstens können wir zwei uns anschauen und gegenseitig verstehen, warum man jetzt mal wieder bis zum allerletzten Moment gewartet hat, bis man….

Aber das sind ja nur die Dinge, die nicht umgangen werden können, die man irgendwann – wenn auch last-minute, erledigen wird. So richtig schwierig wird es ja erst, wenn es um Dinge geht, wo nichts wirklich Schlimmes passiert, wenn man sie gar nicht tut.

Wie zum Beispiel: in Corona Zeiten etwas anderes als Jogging Hosen tragen. Parfum. Ein bisschen Make-Up. Schmuck. Wo einen doch niemand sieht. Außer dem Gatten.

Ich habe ihn jetzt gerade gefragt – ob ihm das in irgendeiner Form wichtig ist. Die Antwort war: „Also – wenn du den ganzen Tag im Schlafanzug und ungekämmt durch die Gegend laufen würdest, das würde mich stören. Aber Business Klamotten und Chemikalien im Gesicht finde ich überflüssig.“

Das ist schön. Hilft mir aber auch nicht wirklich weiter. Ich brauche einen Grund, wenigstens 2 mal in der Woche ordentlich auszusehen. Darüber muss ich noch mal gründlich nachdenken. Einen Schlachtplan entwerfen. Vielleicht einen festen, sich wiederholenden Termin in meinem I-Phone speichern: Mittwochs und Samstags, 7.00 Uhr – 8.00 Uhr: Haare aufnudeln, schminken, einduften, mit Klunkern behängen, schicke, wenn auch unbequeme Klamotten anziehen, Lammfellpantoffeln in den Schrank und dafür ordentliches Schuhwerk, vielleicht sogar mit 2 cm Absatz.

Aber nicht heute.

Eure Grete.

Rosinen picken - international




In den 80ern machte ein Witz die Runde, in dem Himmel und Hölle durch internationale Rollenverteilungen definiert wurden:

Himmel: Die Polizisten sind Briten, die Köche Franzosen, die Ingenieure Deutsche, die Beamten Schweizer und die Liebhaber Italiener.

Hölle: Die Polizisten sind Deutsche, die Köche Briten, die Ingenieure Italiener, die Beamten Franzosen und die Liebhaber Schweizer.

Schon damals fand ich, dass die deutsche Polizei auch im Ländervergleich gar nicht so schlecht hätte abschneiden sollen, die italienischen Köche waren mir lieber als die französischen (mal ganz abgesehen davon, dass die Briten da auch aufgeholt haben) und leider kann ich weder die italienischen noch die Schweizer Liebhaber wirklich beurteilen.

Momentan sind wir ja wieder mal in einer Phase, wo permanent internationale Vergleiche gezogen werden. Welche Länder niedrigere Ansteckungsraten haben. Wo schneller geimpft wird. Wo die staatlich verordneten Maßnahmen besser greifen. Es ist zum nationalen Volkssport geworden, alle Entschei-dungen der Regierung zu zerlegen und zu kritisieren und jeder Mensch, mit dem ich spreche weiß, wie man es besser hätte machen können.

Und zugegeben, wenn wir - d.h. der Gatte und ich, sowie diejenigen meiner Kinder, die auch einen israelischen Pass haben nach Israel fliegen würden und 2 Wochen in Quarantäne gingen, wären wir alle in ca. 6 Wochen zweimal geimpft, einschließlich der Kinder in den 20ern. Selbst meine 17-jährigen Nichten sind in Israel schon mit dem Impfen durch.

Das hätten wir natürlich in Deutschland auch so machen können. Wenn uns zum Beispiel die Sache mit dem Datenschutz egal wäre. Aber – wie mein deutscher Schwager so schön sagte: Dem Deutschen ist der Datenschutz wichtiger als sein Leben.

Meine israelische Schwägerin hat mir ihre Impfung so geschildert: Habe eine Nachricht auf mein Handy bekommen, mit Anamnesebogen, Einwilligungserklärung und Termin. Alles unterschrieben und per e-mail 10 Minuten später zurückgeschickt. Drei Tage später mit dem Auto am Drive-In-Impfzentrum vorgefahren, meine Krankenkassenkarte wurde gescannt, weiter bis zum Mann mit der Spritze, Fenster runtergefahren, Spritze bekommen, auf einen Parkplatz gefahren, 15 Minuten gewartet, Karte bei der Ausfahrt wieder gescannt – fertig. Alles in allem 20 Minuten und noch nicht mal aus dem Auto gestiegen.

Kein Arztgespräch, alle Daten in einer einzigen gigantischen Datenbank, fertig.

Alle Infizierten, die in Quarantäne geschickt wurden, mussten ihre Handynummer beim Gesundheitsamt hinterlegen und die Ortungsdaten wurden regelmäßig abgerufen. Wenn also jemand NICHT zuhause war, obwohl er es eigentlich sein sollte, stand irgendwann die Polizei vor der Türe.

Sicherlich gibt es eine große Anzahl von Menschen auch hier in Deutschland, die damit einverstanden wären – aber eine mindestens genauso große Anzahl auch wieder nicht. Rosinen picken klappt da nicht – schnell und unbürokratisch kriegt man nun mal nicht, wenn man gleichzeitig jedem sein verbrieftes Recht auf Privatsphäre, Freiheit und Schutz der persönlichen Daten garantieren will.

Aber wenn ich DOCH Rosinen picken dürfte – also… dann hätte ich die Israelis gerne für Notfälle, die Deutschen für das geregelte, ganz normale Leben, die Briten für die humoristischen Einlagen, ein paar Russen, sollte ich mal einen Bodyguard brauchen, einen dicken Italiener in der Küche (dünnen Köchen ist nicht zu trauen) – und jemandem mit deutschem UND israelischem Pass als Liebhaber (never change a winning horse!). 

Eure Grete.

Geständnisse einer Höhlenfrau




Anfang der 90er machte ein Theaterstück namens „Defending the Caveman“ von Rob Becker weltweit die Runde. In Deutschland wurde das Stück schlicht unter dem Namen „Caveman“ aufgeführt. Es handelte sich um einen Monolog, in dem ein Mann die Unterschiede zwischen Männern und Frauen erläuterte und erklärte, warum der moderne Caveman es trotz allem wert ist, vor dem Aussterben gerettet zu werden.

Der Gatte und ich haben das Stück damals in Israel gesehen und irgendwann erklärte der Herr auf der Bühne, dass wissenschaftliche Studien belegen würden, dass Frauen einfach eine größere Ration an Wörtern pro Tag (ca. 7000) zugeteilt bekommen haben und Männer leider nur 2000.

Die hätten sie dann bereits am Arbeitsplatz aufgebraucht und wenn sie dann nach Hause kämen, wäre da leider nichts mehr im Tank, während die Gattin noch einen Vorrat von 5000 Wörtern hätte.

In diesem Moment drehte sich mein Mann zu mir um und flüsterte mir ins Ohr: Das ist ja komisch. Das ist bei uns genau umgekehrt.

Lasst mich das mal so erklären: wenn ich von jetzt bis März 2022 einen Terminkalender für uns erstellen würde, in dem an 300 Tagen Gäste zum Abendessen kommen – und wir an den restlichen Tagen des Jahres ins Theater, ins Konzert, auf eine Wandertour, etc. gehen? Der Gatte wäre glücklich.

Ich dagegen? Meine 2000 (gesprochenen) Worte gehen für die Kinder, den Ehemann, die Geschwister drauf. Ich spar dann immer mal ein bisschen was an Resten an, wenn ich so alle paar Monate mit den besten Freunden auf FaceTime spreche. Ich denke lieber über Urlaub nach, als ihn tatsächlich zu machen. Shoppen ist für mich Höchststrafe und muss in maximaler Effizienz in möglichst wenigen Geschäften und nur bei absoluter Notwendigkeit hinter sich gebracht werden. Kulturveranstaltungen macht man gelegentlich als Gefallen für den Ehemann mit. Auf Feiern denke ich schon nach einer Stunde darüber nach, wann man sich aus dem Staub machen kann, ohne unhöflich zu sein.

Gebt mir einen bequemen Sessel und ein gutes Buch. Meine Nähmaschine. Meinen Garten. Um unser Haus herum gibt es Wiesen, Felder, Wald und eine Burg. Ab und zu fährt ein Traktor vorbei. Dieser Standort wurde bewusst gewählt.

Mit anderen Worten – immer wenn man dieser Tage mal irgendwelche Zoom Meetings hat und die Menschen darüber klagen, dass man ja nirgendwo hingehen kann? Nicht ins Fitnesscenter (schudder), nicht in die Geschäfte (ähhh), keine Parties (würg) – dann gebe ich mein Bestes verständnisvoll zu gucken und zu nicken.

Bis dann eine meiner Töchter im Hintergrund laut verkündete: Für Mama macht Corona nun wirklich keinen Unterschied für ihren Lebensstil. Stimmt. Das wurde vermutlich noch nicht so formuliert – aber unsoziale Menschen sind in Coronazeiten klar im Vorteil.

Eure Grete.

jung sein ist nett. Alt sein auch.




Würde mir heute jemand anbieten: Du kannst mit den Fingern schnippen und bist wieder 20 – ehhhh – nein danke! Ich kenne eigentlich ausschließlich Männer, die in meinem Alter noch davon träumen wieder so richtig jung zu sein. Die meisten Frauen würden sagen – 40 – okay. 30 wäre auch noch in Ordnung. Aber 20? Keine Chance.

Männer fühlen sich mit 20 unkaputtbar. Ich habe dafür keine Statistiken – aber wenn Sie in dichtem Nebel oder bei Glatteis auf einer kurvigen Landstraße mit 170 km/h überholt werden?
Männlich – um die 20.

Frauen erfreuen sich in diesem Alter noch durchgehend an all ihren Unsicherheiten und wachsen erst so ab 30 in die Person hinein, die sie gerne sein wollen.

Zu meinem 60sten vor ein paar Monaten haben mir meine Kinder ein wunderbares Fotobuch geschenkt – mit Bildern die sie von allen in der Familie und von alten Freunden gesammelt hatten. Darunter war dieses Bild. Das Jahr ist 1990, ich bin 29 Jahre alt und zu einer Gartenparty bei meinem Chef eingeladen.

Die Fragen die sich mir beim Anblick dieses Fotos stellen? Warum in Gotts Namen gehe ich in so richtig hohen Hacken auf eine Gartenparty? (Kann man auf dem Bild nicht so genau erkennen, aber ich erinnere mich, wie mir nach einer Stunde schon die Füße weh taten und ich permanent im Rasen eingesunken bin)

Und warum in schneeweiß? Kann man sich da überhaupt irgendwo hinsetzen? Oder etwas essen oder trinken ohne sich einzusauen? Ich kann mich jedenfalls erinnern, dass ich nie – aber wirklich NIE - ohne perfekt geföhnte Haare, tadellos geschminkt und mit frisch lackierten Nägeln aus dem Haus gegangen bin. Was für ein Aufwand! Größe 36 war in Stein gemeißelt. Schuhe waren immer hoch und ausschließlich nach Optik ausgesucht.

Vergleichen wir das mal mit heute. Die Haare sind grau. Schminke wird sparsam genutzt – die bleibt sonst immer in den Falten hängen. Schuhe werden nach Komfort und ein kleines bisschen nach ihrer Optik gewählt – Absätze haben sie absolut nie. Kleider und Röcke werden nur im Sommer getragen – weil Strumpfhosen? Yuck. Kleidergrößen sind egal – man trägt sowieso nichts, das eng ist. Gewogen habe ich mich seit locker 10 Jahren nicht mehr.

Und dabei haben wir noch nicht mal über jede garstige Charaktereigenschaft gesprochen, die man sich jetzt – mit 60 – auch nicht mehr abgewöhnt. Und auch gar nicht die Notwendigkeit sieht. Oder darüber, dass man aufhört seine Zeit mit Dingen oder Menschen zu verbringen, die man nicht mag oder die einen langweilen.

Also – an meine Kinder und die anderen Jungmenschen: es geht nicht einfach nur bergab. Da wartet auch noch eine ganze Menge an neuer Freiheit auf euch – so in 20, 30 oder 40 Jahren.

Eure Grete.