grete,


Nachteile der Impulskontrolle



Das Thema „Nature vs. Nurture“ – also die Frage, wieviel angeboren und wieviel anerzogen ist – ist ja nun wirklich schon zu Tode diskutiert worden. Wenn ich meine eigenen Kinder so anschaue, kamen die als komplett geformte Persönlichkeiten aus meinem Bauch – und der Rest ist Politur.

Aber – und das weiß ich aus eigener Erfahrung – man kann seine natürlichen Impulse und Charaktereigenschaften mit viel Mühe, Zuckerbrot und Peitsche in andere Bahnen lenken.

Vom Kleinkindalter bis zum Alter von 16 hatte ich die besten Voraussetzungen, eine Ausbildung bei der Mafia als Auftragskiller zu erhalten. Die Ausbildung wäre vielleicht auch insofern gut gewesen, als ich da vielleicht schneller gelernt hätte, dass Taten mitunter unerwartete Konsequenzen haben.

Es ist Weihnachten 1964 – ich bin 4 Jahre alt, meine Schwester 8 – und wir bekommen als Geschenk Stockbetten. Für mich völlig eindeutig: mir steht das obere Bett zu. Das war für unsere Eltern scheinbar nicht so. Also liege ich – Stunden später – hellwach im unteren Bett und warte darauf, dass meine Schwester einschläft. Um dann nach oben zu klettern, mich mit dem Rücken zur Wand hinter meine Schwester zu setzen, um sie dann mit einem kräftigen Tritt und Schubser von oben aus dem Bett zu schmeißen. Selbst das Schutzgitter ist abgebrochen, ich hatte scheinbar kräftige Beinmuskeln.
Darauf folgte ein kurzer Moment der Euphorie, während meine Schwester anfing, sich die Lunge aus dem Hals zu schreien. Völlig klar – das obere Bett war jetzt meins.

Das war dann die erste große Enttäuschung meines jungen Lebens aber der Beginn einer 12 Jahre währenden kriminellen Karriere.

Ab dem Alter von 6 „durften“ die Jungs auf unserer Straße in meiner „Bande“ sein, für mich auf Bäume klettern um Kirschen zu klauen, Material sammeln um für mich ein Baumhaus zu bauen, kleinere Botengänge erledigen, unliebsame Hausaufgaben machen – aber nur, wenn Sie mir jede Woche die Hälfte ihres Taschengeldes zahlten.

Meine Wutausbrüche waren legendär und häufig und selbst als Teenager, als ich bereits meinen ersten Mann kennengelernt hatte, machten sie sich gerne ungebremst Luft. In den ersten 6 Monaten unserer Beziehung habe ich ihm tatsächlich zwei Ohrfeigen verpasst. Bei der zweiten konnte man seine Kieferknochen mahlen sehen – und dann sagte er, ganz leise: „Das war jetzt das zweite Mal. Nur, dass du es weißt - beim dritten Mal bekommst du eine zurück.“  Ich muss wohl nicht erwähnen, dass das dritte Mal nicht geschehen ist.

Als ich dann im zarten Alter von 16 schwanger mit meiner ältesten Tochter war kam dann der Moment, in dem ich plötzlich darüber nachgedacht habe, ob solche Wutausbrüche als Mutter noch zu verantworten sind. Und habe ab da angefangen immer dann, wenn ich diesen roten Schleier vor den Augen bemerkte, erst mal den Ort des Geschehens zu verlassen. Ein Spaziergang. Eine längere Fahrt mit dem Auto oder Fahrrad. Jedenfalls erst mal beruhigen, nachdenken und erst dann - wenn nötig – handeln. Und zwar ohne Körpereinsatz.

Das findet der Gatte durchweg schwierig – er möchte immer gleich alles ausdiskutieren. Sofort und ausgiebig. Ich möchte alleine und in Ruhe entscheiden, wo der Fehler lag – dann zurückkommen und mich entweder entschuldigen oder sagen: Du warst schuld.

Das Problem bei dieser Methode? Manchmal sind Menschen unhöflich, garstig, unfair und schlecht erzogen, mit denen man NICHT verwandt oder verschwägert oder eng befreundet ist. Im Supermarkt. Oder auf dem Amt. Oder im Krankenhaus. Und denen kann man dann ja nicht sagen: Bleiben Sie bitte mal ein Stündchen sitzen, ich bin gleich wieder da.
Und dann läuft man Stunden – oder Tage durch die Gegend und denkt darüber nach, was man sofort und ganz spontan hätte sagen sollen. Was für grandiose Comebacks ich da schon formuliert habe! Vielleicht sollte ich das mal üben – weiterhin erprobte Zurückhaltung bei den Lieben – und volle Breitseiten bei allen anderen!

Eure Grete. 



Ick bün derteggen



Meine 3. Tochter studiert gerade im Master Architektur an der Bauhaus Universität in Weimar. Und weil das Studium ja eh gerade über Zoom abläuft, kann man ja während des Semesters ganz woanders sein. Also haben sie und ihr Freund einen Job auf der Biennale in Venedig angenommen. Die beiden betreuen dort den deutschen Pavillon, wohnen in einer reizenden kleinen Wohnung, fußläufig vom Ausstellungsgelände, nur ein paar Minuten vom Wasser, wo sie dann gerne abends sitzen und mit einem Drink in der Hand aufs Meer hinausschauen. So weit so gut.

Lasst mich jetzt mal kurz erzählen, wie es im deutschen Pavillon dieses Jahr aussieht. Weiße Wände – und QR-Codes. Keine Modelle von grandiosen Bauwerken. Keine Fotos. Ein großer leerer Raum. Hinter all diesen QR-Codes steckt ein virtueller Pavillon, welcher mit kurzen Filmen gefüllt ist, die man sich dann beim Rundgang über sein Smartphone anschauen kann. Und wenn man aufgrund von Corona nicht nach Venedig reisen kann, kann man sich das alles auch von zuhause aus anschauen.

Es geht um das Bauen der Zukunft, ein sozialeres Miteinander im Einklang mit der Natur und vielem mehr. Es bietet einen Blick aus der Zukunft (konkret aus dem Jahr 2038) zurück auf das Heute. Und regt zum Nachdenken an. Und zeigt Alternativen zum Gehabten an.
Es ist jedenfalls kein Konzept, dass dafür sorgt, dass der Großteil der Menschen den Pavillon verlassen und sagen: Das war ja….nett.

Das Ganze polarisiert. Die Leute sind entweder begeistert – oder verwirrt – oder sauer. Und hat vielleicht so ein bisschen einen Altersaspekt. Es gibt nun mal mehr 30-jährige, die wissen, wie man einen QR-Code scannt als 70-jährige. Aber die beiden helfen ja - und erklären.

So circa ein- bis zweimal pro Tag erzählt sie mir über FaceTime, was denn im Laufe des Tages so los war. Und bislang ist das Fazit – die deutschen Besucher meckern am meisten. Wobei man natürlich sagen muss, wenn da Leute rausgehen und auf Koreanisch sagen: Was war das denn für ein Scheiß? – dann kann man sich ja problemlos einbilden, sie wären voll des Lobes gewesen. Und überhaupt ist es einem ja immer viel peinlicher, wenn die eigenen Landsleute sich schlecht benehmen, als die von anderswo.

Mein Tipp an meine Tochter? Jeden Abend die garstigsten Bemerkungen aufschreiben – die findet man Jahre später viel erzählenswerter, als die freundlichen Komplimente.

Aber ich muss zugeben – jupp, wir sind ein Volk der Meckerer. Ich bin im Alter von 12 in die Heimatstadt meiner Mutter gezogen – Bocholt. Eine 70.000 Einwohner Stadt in Westfalen. Die haben ein Wahrzeichen – einen hutzeligen, naserümpfenden kleinen Spießbürger  - der Meckermann - der verkündet: Ick bün derteggen – Ich bin dagegen!

Wobei es offensichtlich völlig unwichtig ist, wogegen man so genau ist. Und ich war immer genau gegen diese Einstellung zu den Dingen.

Um dann festzustellen – manchmal bin ich um keinen Deut besser. Ich habe Euch ja schon mal erzählt, dass wir hier mitten auf dem Land wohnen, direkt neben der Burg Hülshoff, dem Geburtsort der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff. Zur Zeit wird hier gerade ein Projekt realisiert – direkt neben unserem Haus. Der Lyrikweg – ein Rundwanderweg auf den Spuren von Annette, ein „Museum in der Landschaft“ – schön bepflanzt und herrlich anzusehen. Er wird in circa zwei Wochen feierlich eröffnet. Und dann werden die Menschen kommen. Vielleicht in Scharen. Und an UNSEREM Haus vorbei-latschen. Ich brauche einen Perlonkittel. Lockenwickler und Gummistiefel. Und dann brauche ich noch eine Kippe im Mundwinkel und ein Schrotgewehr. So stehe ich dann vor der Haustür. Damit das den Leuten auch entsprechend deutlich macht, dass ich dagegen bin.

Eure Grete.

Erläuterungen zum Lyrikweg: https://www.burg-huelshoff.de/besuch/lyrikweg

Videos zum Deutschen Pavillon auf der Biennale 2021 -  https://2038.xyz/



Großmütter und E-Mobilität



Ich habe seit einigen Monaten ein E-Auto. Und eine eigene Ladestation neben dem Haus. Mit diesem E-Auto fahre ich einmal in der Woche zur Physio und anschließend zum Frühstück zu meiner Schwester. Manchmal auch zum Supermarkt. Heute ist Donnerstag. Morgen Nachmittag fahre ich zu meinen großen Töchtern nach Rhede. Hin und zurück sind das ca. 130 km und laut Herstellerangaben kann mein Auto mit einer Ladung 240 km weit fahren. Sollte also kein Problem sein, gell?

Seit Tagen denke ich darüber nach, ob ich stattdessen mit dem Auto des Gatten fahre. Der hat ein Hybrid Auto – das hat also auch Benzin. Wie man das wieder auftankt in der Fremde (!) – das weiß ich.
Wie man irgendwo an einer Ladesäule mein E-Auto wieder lädt, weiß ich nicht – zumindest nicht in der Praxis. Und selbst mit einem ganz altmodischen Auto mit Verbrennungsmotor gehöre ich zu der Sorte Menschen, die schon nervös werden, wenn die Tankanzeige noch nicht mal die ¼ voll Marke erreicht hat.

Steht man dann da stundenlang irgendwo rum? Sammeln sich an dieser einen, einsamen Ladesäule ungeduldig weitere E-Auto-Fahrer und fangen nach 3 Stunden an zu hupen?
Braucht man eine Mitgliedschaft in einem Ladesäulen-Anzapf-Club? Gibt es dafür ein Kärtchen? Gilt das dann für alle Ladesäulen in Deutschland? Oder in den Niederlanden – wo ich doch schon gleich neben der Grenze bin?
Kann man das einfach mit der Kreditkarte bezahlen? Oder wie am Automaten im Parkhaus mit Bargeld?

Und ich gebe zu, es ist ein Stück weit zu peinlich, meine Kinder zu fragen. Die denken ja eh schon, dass alles, was nicht aus Holz ist, meinen Horizont übersteigt.

Ich gebe auch zu, dass ich bei jedem Supermarktbesuch die „Self-Check-Out-Kasse“ beäuge – um dann doch an der normalen Kasse in der Schlange zu stehen. Und die App für kartenfreies bezahlen habe ich auf dem Handy installiert – aber noch nie ausprobiert. 

Ich habe jetzt gegoogelt und mir Fotos und YouTube Videos angeschaut. Man braucht eine App – die ist jetzt auf meinem Handy. Ich mach das. Chakkah.

Sollte nächste Woche kein Blogpost erscheinen, sollte mich irgendjemand an den Ladesäulen in Rhede suchen gehen.

Eure Grete.

Bastelanleitung für eine/n Kanzler/in



In den letzten Wochen gab es ja endlich mal wieder ein paar andere Themen, über die Menschen sich unterhalten wollten. Eines davon waren die drei Kandidaten für das Kanzleramt. Worüber sich alle scheinbar völlig einig sind: die Auswahl ist so grandios, man weiß gar nicht, für wen man sich entscheiden soll.

Nein, das ist nicht die Wahl zwischen Pest, Cholera und sagen wir mal – Corona.
Eher die Wahl zwischen einem Schnupfen, Hautauschlag und einer frisch an der Hacke gelaufenen Blase. Egal wer es wird, es ist nicht das Ende der Welt, wie wir sie kennen. Wir werden jedenfalls nicht daran sterben.

Was nur wirklich fatal wäre? Wenn aufgrund mangelnder Begeisterung die Wahlbeteiligung so mager wird, dass die einzigen, die davon profitieren, die rechten Spackos sind.

Das wäre so schön, wenn man sich einen Kandidaten basteln könnte. Und hey – die Schwester und ich haben uns schließlich schon eine imaginäre Schwester gebacken. Dann kann ich mir auch mit dem Bruder – der schließlich Experte in allen politischen Dingen ist – einen Kandidaten backen.

Hier ist unser Vorschlag:

Wir nehmen die Integrität und die beruhigende und zusammenführende Hand von Frank-Walter Steinmeyer.

Die Empathie der neuseeländischen Premierministerin Jacinda Adern.

Die mitreißenden Reden von Willy Brandt.

Die Krisenfestigkeit und Kompetenz von Helmut Schmidt.

Die Geduld, Teamfähigkeit und Detailsicherheit von Angela Merkel.

Das Charisma von Nelson Mandela.

Und – obwohl das auch der einzige Aspekt ist, den ich gerne von ihr einbringen würde – die Durchsetzungsfähigkeit von Margaret Thatcher.

Wenn er oder sie dann auch noch nett anzuschauen wäre – das wäre okay für mich.

Falls das mit dem DIY-Projekt daneben gehen sollte, hätte ich noch einen Vorschlag: vielleicht könnten wir Obama einfach einbürgern? Das machen wir doch auch dauernd mit Spitzensportlern, oder? Ich gebe gerne kostenlos Deutschunterricht und helfe bei der Vorbereitung auf die Einbürgerungsprüfung. Da habe ich schon Übung. Wir könnten ihn das auch im Team mit seiner Frau machen lassen. Doppelkanzler!

Oh – und wo wir schon dabei sind…. ich finde wir sollten eine Raumfahrtmission auf den Neptun starten. Warum unsere Ziele so klein halten und nur bis zum Mars fliegen? Ich hätte auch schon eine Liste für die hochgeschätzten Astronauten, die auf diese Mission starten sollten: Der Donald darf mit, sein Freund Putin, Netanyahu, Kim-Yong-Un, Bolsonaro, Erdogan, Orban, Assad, Duterte – hmmmmmm – bis zum Abflug kommen da bestimmt noch ein paar dazu. Ihr dürft gerne Vorschläge machen.

Eure Grete.

Umfrage zu ungeliebten Adjektiven



Bevor ich jetzt erkläre, worum es mir heute geht, möchte ich Euch eine Frage stellen – und ich hätte gerne Antworten – oder präziser: 3 Adjektive.

Lasst mich mal ein bisschen ausholen - man bekommt ja im Laufe des Lebens das eine oder andere Kompliment. Das ist nett. Je nach Glaubwürdigkeit des Komplimentgebers und des Kompliments an sich sollte man sich da mehr oder weniger drüber freuen.

Wenn du 17 Jahre alt bist und deine Mutter die einzige Person in deinem Leben, die dir immer wieder sagt, wie schön du singen kannst – spar dir die Briefmarke für die Bewerbungsunterlagen bei DSDS. Wenn Beyoncé dein YouTube Video mit deinem selbstgeschriebenen und gesungenen Song auf Ihrem Instagram Account teilt – go for it.

Es gibt Komplimente, die sind gut fürs Ego. Es gibt Komplimente, die sind gut fürs Herz. Jeder Mensch hört gerne mal hier und da, dass er etwas gut gemacht hat. Die Gewichtung variiert. „Das ist aber ein schöner Quilt, den du da genäht hast.“ – macht mich für 5 Minuten froh.
„Ich liebe deinen Schreibstil.“ – hält für ein paar Stunden oder Tage.
„Du bist die beste Mama.“ – kann ich auch noch Wochen, Monate oder Jahre später an schlechten Tagen aus meinem Gedächtnis hervorkramen und mich damit aufmuntern.

Aber worüber ich eigentlich sprechen will, sind die Dinge, die niemand einem so direkt sagt, aber von denen man auf gar keinen Fall will, das andere das über einen denken.
Aber mehr noch, die das definieren, was man nun wirklich selber nicht sein will.

Und das ist meine Frage an Euch – und ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mir Eure 3 Worte auf Instagram schreibt: welche 3 Adjektive beschreiben die Eigenschaften, die ihr nun wirklich nicht haben wollt?

Bei mir sind das:

faul

geizig

langweilig

Die Schwester und ich waren uns da – wie so oft – völlig einig. Das sind auch ihre 3 Worte. Aber daraus sollte man nun wirklich nicht schließen, dass das allen so geht. Das schlimmste Wort für meine Mutter war immer „egoistisch“. Bei meiner Großmutter war es „gewöhnlich“.

Was sind Eure? Ich bin gespannt! (Das müsst Ihr mir natürlich auf dem zugehörigen Instagram Post mitteilen :o)

Eure Grete.

Und hier die Ergebnisse unserer Umfrage:
Adjektiv Nennungen
geizig 4
ungerecht 3
bösartig 2
egoistisch 2
faul 2
langweilig 2
unnahbar 2
altmodisch 1
arrogant 1
berechnend 1
bieder 1
borniert 1
böse 1
denkfaul 1
dumm 1
durchtrieben 1
egoistisch 1
egozentrisch 1
einfältig 1
frech 1
herrisch 1
hinterfotzig 1
hinterhältig 1
kompliziert 1
materialistisch 1
neidisch 1
opportunistisch 1
pünktlich 1
respektlos 1
rücksichtslos 1
spießig 1
unaufrichtig 1
unehrlich 1
unflexibel 1
unfreundlich 1
unloyal 1
unpünktlich 1
unzuverlässig 1
verbissen ehrgeizig 1
verlogen 1
vorhersehbar 1
vorlaut 1

P.S.: das “pünktlich” und “unpünktlich” beide als ungewünschte Eigenschaft genannt wurden - hmmmmmm ...
Danke fürs Mitmachen, Ihr Lieben!