grete,


die Philosophie des öffentlichen Verkackens – oder „Muss das denn sein?“




Gestern Abend hatte ich eine längere Zoom Unterhaltung mit einem Freund. Es ging unter anderem um das Singen im Allgemeinen – und um das Improvisieren im Besonderen. Ich singe seit Jahrzehnten, mit Mutter und Schwester als Kind, später in Bands auf Hochzeiten und anderen Feiern und in Hotelbars im kleinen Schwarzen ans Klavier gelehnt. Das eine oder andere Konzert mit verschiedenen Pianisten oder in A-Capella Gruppen. Mit allen meinen Töchtern. Mein Lampenfieber hält sich in Grenzen – klar, vor jedem Auftritt gibt es unterschiedlich lange Phasen, in denen ich beschließe, kurzfristig und voll anonym nach Neuseeland auszuwandern. Aber spätestens nach den ersten drei gesungenen Tönen ist das vorbei.

Aber bei der Improvisation ziehe ich eine harte Grenze. Mach ich nicht. Bei der Improvisation gibt es kein Netz und keinen doppelten Boden, das kann gut gehen, muss es aber nicht. Und die Sorte Mut, mich vor wie auch immer großen Menschenansammlungen einmal komplett nackig zu machen und unter Umständen gnadenlos zu blamieren – die habe ich nicht.

Besagter Freund meinte dann, es läge vermutlich an meiner allgemeinen Over-Achiever-Mentalität und vielleicht solle ich daran mal arbeiten. Darüber musste ich letzte Nacht noch mal in Ruhe nachdenken. Ob man sich immer nur mit den Dingen beschäftigen sollte, in denen man gut ist oder die einem leicht fallen – oder ob man sich auf die Dinge konzentrieren sollte, in denen man stinkt.

Ich habe in etwa den gleichen Orientierungssinn wie ein Türgriff nach DIN 179.
Lasst mich da mal ein Beispiel erzählen. Es ist das Jahr 1979, ich wohne im westfälischen Bocholt, habe eine einjährige Tochter und fahre mit meiner Mutter (die ihr Leben lang ohne Führerschein ausgekommen ist) nach Münster, um meine Schwester zu besuchen. Der Hinweg verlief reibungslos – die kompletten 70 km lang.

Auf dem Rückweg sind wir 240 km weit gefahren. Jupp – mehr als dreimal so viel. Das passiert, wenn man mehr als einmal die falsche Autobahnabfahrt nimmt und einen Umweg über das Ruhrgebiet macht. In circa 10 Minuten Abständen sagte meine Mutter: „Wenn ich eine rote Kirche sehe, dann weiß ich, wo wir hinmüssen.“
(Ich kann gar nicht oft genug sagen, dass allein durch mich seit der Erfindung der Navis die Emissionswerte weltweit klar gesunken sind)

Fast forward – 1997. Mittlerweile lebe ich in Israel und bin Verwaltungschefin in der israelischen Tochtergesellschaft eines amerikanischen High-Tech Unternehmens. Die gesamte Führungsriege ist für ein Wochenende zum Team-Building in einem schicken Hotel in den Carmel Bergen. 18 Männer und ich. Alle 18 Männer waren während ihrer gesamten Kindheit bei den Pfadfindern – das macht man so, in Israel. Alle Männer waren mindestens 3 Jahre in der Armee. Dito. Fast alle waren der Meinung, dass Hiking in den Anden oder im brasilianischen Urwald das absolute Highlight in ihrem Leben war. Alle konnten auch ohne Kompass oder GPS aus dem Stehgreif sagen, in welcher Richtung von unserem Standort aus Kathmandu liegt.

Und dann kam diese Übung – wir wurden in einem Bus etwa 20 km vom Hotel entfernt in den Wäldern des Carmel Berges ausgesetzt. 16 Teilnehmern wurden die Augen verbunden. Das waren die Schafe. Zwei Teilnehmer waren ohne Augenbinde, durften aber nicht sprechen, nur bellen. Jupp – die Hütehunde. Ein Teilnehmer war der Hirte – und durfte sprechen und Anweisungen geben und war dafür verantwortlich, dass alle wieder durch die Hügel und die Wälder heil ins Hotel zurückkamen. Der durch den Organisator gewählte Hirte konnte allerdings die Rollenverteilung ohne Einmischung der anderen Teilnehmer verändern.

Ich war zum Hirten gewählt worden.

Lasst mich nur so viel sagen – ich bin kein besonders bescheidener Mensch. Aber einigermaßen realistisch. Ein schlechterer Hirte hätte hier nur gewählt werden können, wenn alle anderen Teilnehmer blind, taub und mit maximal einem funktionierenden Bein ausgestattet gewesen wären.

Also habe ich den Düsenjägerpiloten aus der Truppe zum Hirten bestimmt, und zwei Hubschrauberpiloten zu Hütehunden (in der Annahme, dass zur Pilotenausbildung auch ein gewisses Grundwissen über Orientierung gehört).

Und mir mit großer Freude die Augen verbunden.

Fazit? Hut ab, vor allen, die auch bereit sind Dinge zu tun, bei denen sie selbst wissen, dass sie nicht wirklich gut darin sind. Okay – nehmen wir mal Politiker aus. Und Ärzte. Piloten vielleicht auch. Lehrer? Ingenieure? Architekten? Statiker? Ummmm….. oder – wir machen einfach alle das, was wir wirklich können.

Eure Grete.