grete,


Mütter



Für die Jungmenschen unter Euch muss ich zum heutigen Post mal ein paar Erklärungen vorausschicken. Ich bin Jahrgang 1960. Bis heute erstaunt es mich, dass ich meine Kindheit überlebt habe. Auf dem Weg zum und vom Kindergarten lag ein reizendes Trümmergrundstück aus dem Krieg. Herrlicher Abenteuerspielplatz. Von Sicherheitsgurten bei Autofahrten hatte noch niemand etwas gehört. Der Weg zum Rodelberg ging 3 km durch einen Wald – durch diesen Wald ging man dann auch abends im Dunkeln allein zurück – im Alter von 7. Wenn wir in den Ferien bei der Verwandtschaft zu Besuch war wurde man gerne mal mit einem Eimerchen zum Brombeeren pflücken geschickt. Die wuchsen an einer stark befahrenen Bahnstrecke und als einzige Warnung wurde gesagt: Immer schön aufpassen, ob ein Zug kommt.

In den Teenie Jahren wurde gerne getrampt. Oder man fuhr mit dem Fahrrad kilometerweit im Dunkeln über einsame Landstraßen nach Hause. Licht am Fahrrad war da eher optional.

Wenn ich das mit meinen Kindern, besonders den drei jüngeren, vergleiche? Sie wurden überall hin kutschiert. Im Haus wurde alles kindersicher gemacht. Jede Aktivität wurde auf potentielle Gefahren untersucht und erst nach entsprechender TüV Freigabe genehmigt.

Ich bin seit über 43 Jahren Mutter. Seit 43 Jahren muss ich fast jede Nacht meine Kinder retten. Alle 5. Im Alleingang. Vor Feuersbrünsten, marodierenden Großkatzen, Überschwemmungen, Tornados, etc.

Als die Kinder noch kleiner waren, wollte der Gatte dann immer am Frühstückstisch die neuesten Horrorträume erzählt bekommen. Irgendwann hat er dann gefragt: „Wo bin ich eigentlich in dieser Sache? Darf ich auch mal hier und da ein Kind retten?“

„Nein, sorry – die Verantwortung liegt offensichtlich einzig und allein bei mir.“

Wäre ja nett, wenn noch irgendjemand da Prokura hätte. Der Gatte. Oder der liebe Gott. Aber nein, damit stehe ich völlig alleine da.

Glücklicherweise war ich in all den Jahren in meinen Träumen Superwoman auf Speed. Mein Unterbewusstsein hätte ja auch beschließen können, dass ich immer genau in dem Moment, wenn das Auto mit mir und allen Kindern gerade durch das Brückengeländer rast und in die Tiefe stürzt wach werde. Nope. Meine Albträume haben immer ein Happy End. Ich rette alle, Geigenmusik, Abspann.

Dieses Bewusstsein der Alleinverantwortung hat sich natürlich auch tagsüber fortgesetzt. Ich bin noch Jahre, nachdem die Kinder gelernt haben Treppen zu steigen, entweder rückwärts vor ihnen die Treppe herunter- oder vorwärts hinter ihnen die Treppe hochgelaufen. Falls sie mal stolpern. Der Gatte hat maximal dreimal beobachtet, ob sie das hinkriegen – und ab da war er immer schon im Auto oder oben an der Haustüre, während die Kinder hinter ihm hertrotteten.

Ich bin die Großmeisterin in der mentalen Ausarbeitung von (teilweise völlig absurden) Szenarien und diversen Lösungsansätzen für selbige.

Wenn der Sohn mit seinen Kumpels für 3 Monate durch Brasilien wandert und er sich dann theoretisch 3 Tage in Folge nicht meldet und keiner von Ihnen meine Anrufe auf dem Handy beantwortet – wie komme ich dann schnellstmöglich dort hin und wie finde ich die Jungs? Polizei? Privatdetektive? Lasse ich ihm vorher einen Ortungssender einpflanzen? (Selbstverständlich hatte der Sohn konkrete Anweisungen bekommen: „Du schickst mir TÄGLICH eine WhatsApp, auch wenn es nur ein Ausrufezeichen ist. Sonst bist du selbst schuld, wenn plötzlich mitten im brasilianischen Urwald deine aufgelöste Mutter vor dir steht. Das wird peinlich!“)

Was ich mich da immer wieder frage – sind das alle Mütter? Und nur die Mütter? Liegt es daran, dass wir da deutlich mehr Arbeit reingesteckt haben, diese Menschen 9 Monate lang zu backen? Und sollte das nicht spätestens dann ein Ende haben, wenn sie erwachsen sind?

Meine Kinder SIND erwachsen. Zwischen 25 und 43 Jahre alt. Sie sind vernünftige, verantwortungsbewusste Menschen, die mir nie einen Grund zu ernsthafter Sorge gegeben haben. Selbst als Teenager musste ich bei kleineren Eskapaden immer wieder sagen – da war ich deutlich schlimmer.

Und trotzdem muss ich sie immer noch fast jede Nacht retten. In über 40 Jahren hatte ich zwei „schöne“ Träume. In der 80ern hat mich Robert Redford mal zum Abendessen eingeladen. Und letzte Woche war ich auf einem Aretha Franklin Konzert (ja, ich weiß, das könnte schwierig werden) und sie hat mich auf die Bühne gerufen, um mit ihr zu singen. Und ich habe Standing Ovations bekommen. Das war nett.

Vielleicht ist jetzt auch nicht wirklich die richtige Zeit, um auf bessere Träume zu hoffen. Weil – Corona – und das kann ja noch ein bisschen dauern, bis alle meine Kinder geimpft sind.
In all meinen hypothetischen Szenarien: didn’t see that one coming.

Eure Grete.