grete,


Konfrontationstherapie



Lasst mich das mal so formulieren – ich mag so ziemlich alles, was auf der Welt so kreucht und fleucht. Zugegeben, ich habe Lieblinge. Ich mag Hunde lieber als Krokodile. Katzen lieber als Haie. Vögel lieber als Kakerlaken. Und selbst da gibt es Unterkategorien. Ich liebe alle circa 20 Vogelarten in meinem Garten. Bis auf (ja ich weiß, sehr berechenbar) – die Tauben. Seit mehreren Jahren wohnen hier zwei Ringeltauben. Beide sind schwer übergewichtig. Eine hat eine gigantische Warze am Kopf. Beide verfügen über eine preisverdächtige Darmtätigkeit. Aus dieser Beschreibung kann man schließen – kein Fan.

Am Dienstagnachmittag saß plötzlich eine weitere Taube auf meinem Rasen. Schlank, elegant – und mit einer ziemlichen offensichtlichen Wunde auf der Brust. Und – mit Ringen an beiden Beinen. Also erst mal gegoogelt – und festgestellt, dass sich da ganz neue Welten auftun! Da gibt es einen Verband. Der einem erzählt, was man tun sollte, wenn man eine Taube findet. Und Vertrauensmänner in jedem Gebiet, die die dann einsammeln kommen. Und die Ringe an den Beinen sagen einem aus welchem Land die Taube kommt, von welchem Verein, die Seriennummer (?) der Taube und wie alt sie ist.

Nach ungefähr 10 Fotos mit extremer Vergrößerung hatte ich dann auch alle Nummern und konnte feststellen, sie kam aus ungefähr 100 km Entfernung. Zwischenzeitlich Telefonate mit einem sehr netten Herrn über die Brieftaubensaison (nur 12 Wochen im Jahr! Mit Wettbewerb!) geführt. Bis sie dann am Donnerstag früh eingesammelt wurde, habe ich sie gewissenhaft mit Futter und Wasser versorgt und mich immer mal wieder mit ihr unterhalten.

Und habe dann feststellen können, dass direkter Kontakt tatsächlich meine Abneigung gegen Tauben in sehr kurzer Zeit zum Erliegen gebracht hat. Womit ich dann zu meinen nächsten Überlegungen komme. Wenn das so einfach ist – eine Ladung Konfrontationstherapie und – tadahhh – ich bin unter Umständen auch von meiner Spinnenphobie geheilt?

Irgendwann in den 80er habe ich mal von einer Folter- bzw. Verhörmethode gelesen: die Gefangenen wurden zunächst an ein Pulsmesser angeschlossen und dann wurden ihnen in Großaufnahme Bilder von verschiedenen Tieren gezeigt: ganze Räume voll Ratten, Schlangen oder Spinnen. Wenn der Puls bei Ratten in die Höhe ging, wurden die Gefangenen dann in einen Raum mit einer ganzen Horde Ratten gesperrt und das schien bei den meisten ausreichend, um alles zu gestehen, auch Dinge, die sie nicht getan hatten.

Würde man mich in einen Raum mit mehr als einer Spinne sperren, ich würde meine eigene Mutter verraten. Auf dem Foto sieht man meine Schwester und mich, ca. 1997 – auf dem Esstisch in unserer Wohnung in Israel. Nachdem wir eine Spinne mit ca. 5 oder 6 cm Körperdurchmesser und entsprechend dicken, haarigen Beinen auf dem Wohnzimmerboden gesichtet hatten. Wenn der Gatte mich „Rami“ mit drei Ausrufezeichen und in extrem hysterischer Tonlage schreien hört, weiß er schon, dass er sich ein Stück Küchenpapier abreißen muss, bevor er mich suchen kommt.

Hätte er mir beim ersten Date erklärt, Spinnen töten wäre für ihn leider nicht machbar – definitives Ausschlusskriterium.

Gestern Abend – 23 Uhr. Ich komme nach dem Zähne putzen aus dem Bad, der Gatte sitzt noch im Wohnzimmer. Im Flur – zwischen Bad und Schlafzimmer: Thekla. Nicht so groß, wie das israelische Modell, aber groß genug. Ich bin stehen geblieben. Bis auf einen Meter rangegangen. Habe sie 5 Minuten beobachtet. Dann hat sie ein Bein bewegt.

„Rami!!!“

Eure Grete.