grete,


Ick bün derteggen



Meine 3. Tochter studiert gerade im Master Architektur an der Bauhaus Universität in Weimar. Und weil das Studium ja eh gerade über Zoom abläuft, kann man ja während des Semesters ganz woanders sein. Also haben sie und ihr Freund einen Job auf der Biennale in Venedig angenommen. Die beiden betreuen dort den deutschen Pavillon, wohnen in einer reizenden kleinen Wohnung, fußläufig vom Ausstellungsgelände, nur ein paar Minuten vom Wasser, wo sie dann gerne abends sitzen und mit einem Drink in der Hand aufs Meer hinausschauen. So weit so gut.

Lasst mich jetzt mal kurz erzählen, wie es im deutschen Pavillon dieses Jahr aussieht. Weiße Wände – und QR-Codes. Keine Modelle von grandiosen Bauwerken. Keine Fotos. Ein großer leerer Raum. Hinter all diesen QR-Codes steckt ein virtueller Pavillon, welcher mit kurzen Filmen gefüllt ist, die man sich dann beim Rundgang über sein Smartphone anschauen kann. Und wenn man aufgrund von Corona nicht nach Venedig reisen kann, kann man sich das alles auch von zuhause aus anschauen.

Es geht um das Bauen der Zukunft, ein sozialeres Miteinander im Einklang mit der Natur und vielem mehr. Es bietet einen Blick aus der Zukunft (konkret aus dem Jahr 2038) zurück auf das Heute. Und regt zum Nachdenken an. Und zeigt Alternativen zum Gehabten an.
Es ist jedenfalls kein Konzept, dass dafür sorgt, dass der Großteil der Menschen den Pavillon verlassen und sagen: Das war ja….nett.

Das Ganze polarisiert. Die Leute sind entweder begeistert – oder verwirrt – oder sauer. Und hat vielleicht so ein bisschen einen Altersaspekt. Es gibt nun mal mehr 30-jährige, die wissen, wie man einen QR-Code scannt als 70-jährige. Aber die beiden helfen ja - und erklären.

So circa ein- bis zweimal pro Tag erzählt sie mir über FaceTime, was denn im Laufe des Tages so los war. Und bislang ist das Fazit – die deutschen Besucher meckern am meisten. Wobei man natürlich sagen muss, wenn da Leute rausgehen und auf Koreanisch sagen: Was war das denn für ein Scheiß? – dann kann man sich ja problemlos einbilden, sie wären voll des Lobes gewesen. Und überhaupt ist es einem ja immer viel peinlicher, wenn die eigenen Landsleute sich schlecht benehmen, als die von anderswo.

Mein Tipp an meine Tochter? Jeden Abend die garstigsten Bemerkungen aufschreiben – die findet man Jahre später viel erzählenswerter, als die freundlichen Komplimente.

Aber ich muss zugeben – jupp, wir sind ein Volk der Meckerer. Ich bin im Alter von 12 in die Heimatstadt meiner Mutter gezogen – Bocholt. Eine 70.000 Einwohner Stadt in Westfalen. Die haben ein Wahrzeichen – einen hutzeligen, naserümpfenden kleinen Spießbürger  - der Meckermann - der verkündet: Ick bün derteggen – Ich bin dagegen!

Wobei es offensichtlich völlig unwichtig ist, wogegen man so genau ist. Und ich war immer genau gegen diese Einstellung zu den Dingen.

Um dann festzustellen – manchmal bin ich um keinen Deut besser. Ich habe Euch ja schon mal erzählt, dass wir hier mitten auf dem Land wohnen, direkt neben der Burg Hülshoff, dem Geburtsort der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff. Zur Zeit wird hier gerade ein Projekt realisiert – direkt neben unserem Haus. Der Lyrikweg – ein Rundwanderweg auf den Spuren von Annette, ein „Museum in der Landschaft“ – schön bepflanzt und herrlich anzusehen. Er wird in circa zwei Wochen feierlich eröffnet. Und dann werden die Menschen kommen. Vielleicht in Scharen. Und an UNSEREM Haus vorbei-latschen. Ich brauche einen Perlonkittel. Lockenwickler und Gummistiefel. Und dann brauche ich noch eine Kippe im Mundwinkel und ein Schrotgewehr. So stehe ich dann vor der Haustür. Damit das den Leuten auch entsprechend deutlich macht, dass ich dagegen bin.

Eure Grete.

Erläuterungen zum Lyrikweg: https://www.burg-huelshoff.de/besuch/lyrikweg

Videos zum Deutschen Pavillon auf der Biennale 2021 -  https://2038.xyz/