grete,


Auweia!



Ich denke seit einigen Tagen darüber nach, ob sich mein Geschmack über die Jahre in vielerlei Dingen komplett geändert hat, ob ich manche Dinge vor 30 oder 40 Jahren mit komplett anderen Augen gesehen habe, ob Erfahrungen meine Beurteilung bestimmter Dinge korrigiert haben – oder ob mein Gedächtnis noch lückenhafter ist, als ich das sowieso schon glaube.

Ich nenne hier nur ein paar Dinge.

Mettbrötchen (regelmäßig bei Partys verspeist – die Vorstellung! In rohes Gehacktes beißen – schüttel!)
Don Johnson in Miami Vice (keine Folge verpasst – und in diese wandelnde Fönfrisur verliebt)
Schrankwände in Eiche Rustikal (kein Scherz, hatte ich)

Habe ich manche Dinge als ganz toll in meinem Gedächtnis abgespeichert, nur um Jahrzehnte später drauf zu gucken und festzustellen: Gott, was für ein Sch…..? Neulich war ein Teil meiner Kinder zuhause und wir konnten uns nicht auf einen Film einigen – und ich: Lasst uns „Con Air“ gucken, ist zwar schon 25 Jahre alt, aber sehr unterhaltsam. Nach 20 Minuten und dem gelegentlichen Blick auf die fassungslosen Gesichter meiner Kinder haben wir ihn ausgemacht. Wirklich? Was in Gotts Namen hat mir damals daran gefallen? (Nicolas Cage. Ernsthaft.)

Ähnlich ging es mir mit einem meiner Lieblingsautoren, von dem ich im Alter von 16 oder 17 absolut alles gelesen habe: Leon Uris.
Exodus. Mila 18. Schlachtruf oder Urlaub bis zum Wecken. Armageddon.
Die habe ich vor einigen Monaten wieder rausgekramt und angefangen noch mal zu lesen. Und feststellen müssen: Heiliger Strohsack – weibliche Protagonisten wurden permanent „Weiber“ genannt und waren in weiten Teilen entweder dumm und naiv – oder garstig und egoistisch. Mal ganz abgesehen von ständigen, recht rassistischen Untertönen. Hmmmmm…..

Sind all meine „schönen“ Erinnerungen kompletter Humbug? Waren meine Kinder nicht süßer, schöner, schlauer als alle anderen Kinder auf dieser Erde? Habe ich grauenvolle Musik gehört, schlechte Bücher gelesen, unterirdische Filme gehypt, auf grauenvolle Männer gestanden?

Bei näherem Nachdenken – nope. Alte Filme mit Robert Redford oder Cary Grant sind immer noch schön anzusehen. Meine Playlist hat immer noch Stevie Wonder, Billy Joel und Cat Stevens im Programm. Und meine Kinder sind immer noch die schönsten, süßesten, schlauesten und alles in allem gelungensten Menschen auf diesem Planeten. Punkt. Jedenfalls kann ich mich darüber mit meinem Gedächtnis einigen.


Eure Grete.