grete,


Nechonut Le’Ezra - Hilfsbereitschaft




Dieses Jahr ist es 30 Jahre her, dass ich meine Koffer gepackt habe und nach Israel gezogen bin. Und das ist ja dann auch ein guter Grund, Euch nach und nach ein paar Geschichten zu meiner Zeit dort zu erzählen.

In meinen ersten Wochen im Heiligen Land, noch bevor ich meinen ersten Job gefunden hatte, meinte mein Israeli (auch genannt: der Gatte – oder Rami – oder, wie meine Eltern ihn immer nannten: der Major) – jedenfalls, er meinte:

„Hier sind die Autoschlüssel, fahr doch einfach mal durch die Gegend, erkunde Haifa.

„Ummm – aber ich kann die Schilder nicht lesen.“

„Na und? Das Meer ist an der einen Seite, der Carmel Berg an der anderen, und die großen Hoteltürme an der Spitze sind in der Nähe unserer Wohnung – kannst gar nicht verloren gehen.“

Wir reden hier von 1991. Da war noch nichts mit Handy oder Navigationssystemen. Andererseits war ich bis dahin schon alleine in Städten von Paris bis Sydney mit dem Auto beruflich unterwegs gewesen. Da machen wir eine mittelgroße israelische Hafenstadt doch mit links.

Also, den Berg hinunter in Richtung Haifa Bay und das Meer, durch Downtown Haifa im morgendlichen Berufsverkehr. Im strömenden Regen. Und lasst mich sagen, wenn es in Israel regnet, dann richtig. Von harmlosem Nieselregen halten die nichts. Die Straßen, die den Carmelberg hinabführen entwickeln sich in kürzester Zeit zu reißenden Flüßen, Downtown steht dann auch schon mal gerne 40, 50 oder 60 cm unter Wasser und da stand ich also gerade im Stau, auf der linken Spur einer vierspurigen Straße, das Wasser drang so langsam durch die Türen in den Fußraum ein – und der Motor streikt plötzlich.

Eine Minute später setzte hinter mir ein ohrenbetäubendes Hupkonzert ein. Auch das konnte den Wagen nicht davon überzeugen, wieder zu starten. Raus aus dem Auto, in den strömenden Regen, hilfloses Schulterzucken und das Bedürfnis einfach mal loszuheulen. So von wegen: Heimweh! In Deutschland könnte ich wenigstens kommunizieren, jemanden bitten an der nächsten Telefonzelle oder Tankstelle den ADAC anzurufen. Aber hier?

Im nächsten Moment registriere ich, dass drei Autos, die auf der rechten Spur waren und einfach an mir hätten vorbeifahren können am Straßenrand parkten. Die Fahrer steigen aus und überschütten mich erst mal mit einem hebräischen Wortschwall.

Nachdem ich dann auf englisch antwortete, kamen die drei Herren wohl zu dem Schluss, ich sei Touristin, somit schon mal eine schützenswerte Spezies mit mangelndem Überlebenstraining und entschieden, man müsse mir aus dieser Situation heraushelfen. Das war jedenfalls damals meine Interpretation der plötzlichen Hilfsbereitschaft von gleich mehreren Menschen gleichzeitig. Nachdem ich mehr als ein Jahrzehnt dort gelebt habe, muss ich sagen – es hatte damit rein gar nichts zu tun. Wenn man in Israel jemanden sieht der Hilfe braucht, dann rollt man die Ärmel hoch und packt an. Ja, höchstwahrscheinlich bekommt der Empfänger der Hilfeleistung gleichzeitig einen Vortrag darüber, warum man überhaupt erst in dieser Situation ist, wie man das alles hätte besser machen können und woran man beim nächsten Mal unbedingt denken sollte. Aber geholfen wird – und zwar mit größtmöglichem Einsatz. Egal ob man deswegen zu spät und klatschnass zur Arbeit kommt oder nicht.

Ich wurde also wieder hinter dem Lenkrad deponiert, angewiesen den Leerlauf einzulegen und zu steuern, nur 500 m weiter gäbe es eine Kfz-Werkstatt, sie würden mich dort hinschieben.

Die Herren, die in der Kfz-Werkstatt arbeiteten, sprachen hauptamtlich arabisch und nur im Nebenberuf hebräisch, englisch leider noch nicht mal als Hobby. Das schien aber kein großes Problem darzustellen, ich wurde auf einen Stuhl gesetzt, man drückte mir eine Tasse Tee und einen Teller mit Keksen in die Hand und bedeutete mir mit Handzeichen einfach zu warten. Fünfzehn Minuten später lief mein Auto wieder, mein Angebot von Bargeld wurde lachend ausgeschlagen und ich war wieder auf dem Weg.

Bis heute, immerhin fast 30 Jahre später, finde ich diese Form von bedingungsloser Hilfsbereitschaft einzigartig und erstaunlich. Und ja – da könnten wir uns hier und da eine Scheibe von abschneiden.

Eure Grete