grete,


Germanit/Ivrit
Deutsch/Hebräisch








Ich mag da vielleicht ein bisschen befangen sein, aber ich finde, dass die deutsche Sprache nun wirklich nicht besonders schwer ist. Sie ist ordentlich. Sie verläuft – wie sich das gehört – von links nach rechts. Sie hat Vokale, die man nicht nur hört, sondern auch schreibt. Vielleicht hätten zwei Artikel auch gereicht, das will ich gerne zugeben. Aber eigentlich kann jeder, der eine andere ordentliche Sprache beherrscht (wie zum Beispiel niederländisch, englisch, französisch oder meinetwegen auch schwedisch) zumindest die Ortsnamen auf vorbeifliegenden Autobahnschildern lesen.

Hebräisch dagegen wurde erfunden, als die Menschen noch mehr Sinn für Humor hatten. Keiner hatte Eile, Autobahnen und dazugehörige Hinweisschilder gab es nicht – und vermutlich war es für die wenigen, die überhaupt lesen und schreiben konnten ein schöner Zeitvertreib zu versuchen, ein nur aus Konsonanten bestehendes Wort zu entziffern.

Stellt Euch den durchschnittlichen Mitteleuropäer bei einer Autofahrt im Heiligen Land vor: Irritiert durch die ständigen Hup-Attacken der anderen Autofahrer (die der Meinung sind, dass die gigantischen Schlaglöcher in den Straßen dem ganzen Fahrerlebnis erst den nötigen, abenteuerlichen Reiz verleihen und deshalb finden, dass dir – mit deiner beharrlichen Einhaltung der Geschwindigkeitsbeschränkungen der Führerschein entzogen gehört ) – weit nach vorne über das Lenkrad gebeugt und im gleißenden Licht durch die Windschutzscheibe starrend um nur rechtzeitig jedes Hinweisschild zu entdecken....da kommt eins....was steht denn....? Z.....K....N....J....K....Sch....schon wieder vorbei.

Beim Einkaufen im Supermarkt steht man dann zwar nicht unter ganz so großem Zeitdruck, aber nach zwei Stunden vor dem Kühlregal auf der verzweifelten Suche nach einem Paket Butter, mit bläulichen Lippen, voller Blase und schmerzenden Füssen greift man schon mal zu außergewöhnlichen Maßnahmen. Ihr glaubt gar nicht, wie viele kleine Päckchen im Kühlregal so aussehen, also könne dort Butter drin sein. Leider halten es die Israelis in der Frage der Beschriftung wie die Franzosen: wer hier was kaufen will, soll gefälligst unsere Sprache sprechen. Okay, alles steht auch immer zusätzlich auf Arabisch auf den Packungen, aber das hilft einem auch nicht wirklich weiter. Und ich brauchte Butter. Meine zukünftige Schwiegermutter hatte sich zum Kaffee angemeldet. Ich musste Kuchen backen. Fertigen Kuchen in der Konditorei kaufen und der Familie präsentieren? Ein nicht wiedergutzumachender Fehler – dazu demnächst mehr. Also – um Hilfe bitten. Außer der älteren Dame an der Kasse, die gerade mit großem Interesse ihre Zeitung las – niemand in Sicht.

„Excuse me...“

„Ken?“

Prima – „ken“ heißt „ja“ auf Hebräisch und ist nicht mit dem Gatten von Barbie verwandt.

„I am trying to find some butter.”

“Mah?” (auf deutsch: Was?)

Ich war noch nie besonders gut im „Activity“ spielen – Muhhh – Melkbewegungen (oder das, was ich dafür halte) – Butter schlagen (oder das, was ich dafür halte) bescherten mir nur ein Augenrollen und kurze, wedelnde Handbewegungen in Richtung Kühlregal.

Super, da war ich schon mal. Und ganz ehrlich, die arme Frau war mindestens 104 Jahre alt und um ebenso viele Kilo zu schwer. Da kann man ja nicht ernsthaft erwarten, dass sie aufsteht, um einem zu zeigen, wo die Butter ist. Also – zurück zum Kühlregal. Ein Uhr mittags – und die Schwiegermutter hatte sich für drei Uhr angemeldet. Ungewöhnliche Situationen verlangen ungewöhnliche Maßnahmen – oder anders ausgedrückt: wenn man unauffällig von jedem möglichen Zielprodukt eine Ecke öffnet, mit dem Fingernagel ein bisschen abkratzt, ableckt (Margarine, gesalzene Butter, noch mal Margarine, igitt-keine-Ahnung, Ziegenkäse, mehr gesalzene Butter, Fischsülze???) wird man früher oder später Butter finden. Circa beim 24sten Produkt überkommt einen zwar ein leichter Würgereiz, aber beim 25sten war es so weit: Heureka! Butter!

Die Freude über den Erfolgt meiner, wenn auch etwas unkonventionellen, dafür jedoch meiner Meinung nach recht kreativen Problemlösung wäre allerdings noch größer gewesen, wenn die übergewichtige Kassenoma nicht auf einmal hinter mir gestanden hätte. Von dem hebräischen Wortschwall konnte ich zwar kein Wort verstehen, aber der Blick der zusammengekniffenen Knopfaugen hinter den Speckfalten reicht völlig aus.

In den folgenden Wochen wurden also 24 Pakete Margarine, gesalzene Butter und Fischsülze (der Gatte: Fischsülze??? Was willst du denn damit? Braucht man das für ein typisch deutsches Gericht?) in unserem Kühlschrank zwischengelagert, bis sie schließlich den Weg in den typisch israelischen, nicht abfallgetrennten Mülleimer fanden.



Eure Grete